3. Erfahrungsbericht von David
Montag, der 12. September
Diamanten im Beton
Ich befinde mich nun auf der Straße inmitten von Jocotenango. Gänge, Gassen, die plaza central mit Busplatz, Verkehrstreiben und einigen Marktständen. Fröhlicher Tanz der Farben, Getute und Getröde, Menschen wuselnd wie auf einem Ameisenhaufen, gekleidet in bunten Farben oder braun und schmutzig in Lumpen. Gesichter strahlend, lachend und aufmerksam grüßend, aber auch hie und da ein verbissener Blick, ein schlafender Betrunkener, der wohl im Rausch direkt auf dem Bordstein darnieder gesunken sein muß. Es fliegt Papier herum, Wahlplakate flattern im Wind, Hunde trollen sich am Straßenrand oder liegen öde in Häuserecken – bis ein Polizist sie aufscheucht. Rundherum reihen sich die Berge auf, prall und satt von vielfältigsten Pflanzenarten und oft hüllt ein weißer Nebel sie ein und poliert ihre Spitzen. Wie eine Schnur grüner Diamanten erscheinen sie, herumgelegt um eine Stadt aus Beton, Stein und rotem Wellblech.

Dann stehen wir vor dem ersten Haus von Los Patojos. Ein Guckfenster wird geöffnet und die Tür geht auf. ¡Hola! ¡Bienvenido! Herein in die gute Stube, hinein ins Vergnügen und eine Welt voller Energie und Menschlichkeit. Staunend stehe ich an der Türschwelle und werfe meinen Blick einfach mitten hinein ins Gewusel. Action! Kinder überall im Raum, am Boden, hinter Ecken, auf und unter Tischen und sogar auf Stühlen sitzend.
Es scheint ein undiffenzierbares Wiegen und Wogen von Stimmen und Geräuschen zu sein, wie ein kleiner Wirbelsturm tanzt es zwischen den bunt-bemalten Wänden hin und her. Ich werde hineingezogen und bald schon sitze ich in einer Ecke auf dem glatten Boden mit fünf jugadores beim Monopoly, welches auf Englisch ist. Action! Die Straßen werden zwar gekauft, aber dann verschenkt, auf dem Wasserwerk soll ein Hotel entstehen und die Strafkasse wird irgendwann geraubt. Doch davon bemerke ich nichts da ich dabei bin für das Einhalten der Regeln zu sorgen und die Ereigniskarten zu übersetzen und ehe ich moralisch einlenken kann, ist die Spielzeit voröber. Die Zelte werden abgebrochen, es gibt ein kleines refresco und dann geht’s los mit Lektüre.
Während alle still lesen, erfahre ich von Maurício, dem Lehrer unseres salóns, mehr über den Ablauf:
Um die Mittagszeit wird für alle Essen gereicht, dann können die Kinder spielen bis die Kurse beginnen. Diese sind locker gestaltet und auf Aktionen ausgerichtet, man darf aufstehen, sich bewegen und reinfragen, dies wechselt sich ab mit erneuter Entspannung und weiteren Sitzungen. Um fünf werden die Kinder abgeholt oder gehen nach Hause. Maurício erklärt, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und damit das eigene und eigenständige Denken. Die Kinder lernen hier Dinge, die in der Schule nicht gelehrt, nicht angesprochen werden. Denn in der Schule ist oft Automatendasein angesagt -kopieren und lernen.
Als ich später den Weg zu unserem Haus einschlage, komme ich zurück in Welt der großen Leute. Es gibt viel zu sehen, viel zu bestaunen, zu fragen und mächtig viel um sich ordentlich zu wundern, doch ist dieses von anderer Art und Weise. Dass es bei den Kindern anders ist, dass hatte ich mir schon überlegt, doch solcher Fülle an Energie, solcher Vielfalt hinter der Eisentür mit dem Guckfenster, solcher reiner Wärme, ja solcher Andersweltigkeit, all diesem war meine Vorstellung und mein Denken nicht gewachsen. Es war ein neues Land, welches ich betreten hatte, eine Insel, die von 12 bis fünf geöffnet hat und das Innere harrte noch seiner Entdeckung.
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