Woran wir gerade arbeiten?
Eines unserer aktuellen Projekte ist die Erstellung eines pädagogischen Infoheftes für GrundschülerInnen, welches spielerisch über Guatemala erzählt, viele mögliche Zugänge bietet und den Kindern einen vergleichenden Ausblick über die Unterschiede aber v.a. der Gemeinsamkeiten von uns Menschen ermöglicht. Bald ist es druckreif und dann nur gegen Porto bei uns zu bestellen! Die Realisierung dieser Idee wird uns ermöglicht durch das EU-Programm Jugend in Aktion.
Ein Thema, welches im Heft angesprochen wird, ist die Migration aus Guatemala. Rafael Romero ist guatemaltekischer Schriftsteller und hat für unser Infoheft eine Geschichte darüber geschrieben. Gracias Rafa! Also, ein Vorgeschmack auf bald Kommendes:
Die Kehrseite des Traums
Als Raúl in jener Nacht nach Hause kam, schwebte eine neue Welt in seinem Kopf. Seine Mutter öffnete ihm die Tür und schimpfte, weil er so spät kam. Es war um neun. Sie fragte, wo er denn gewesen sei und er antowortete, beim Chino, quatschen, im Park. Der Chino war ein Freund, einer aus der Nachbarschaft. Und komischerweise war der zufrieden. Sein Onkel und seine Tante lebten in den USA, seit er fünf Jahre alt war. Nun wollten sie ihm ein Geschenk machen. Sie würde ihm helfen, damit er auch gehen könne. Dort würde es ein richtiges Haus geben und ganz sicher Arbeit.
Der Chino erzählte Raúl, dass sie ihm schon etwas Geld geschickt hätten, und dass er überzeugt sei, weg zu gehen. Er erzählte, dass in den USA das Leben besser sei als in Guatemala, dass es mehr Möglichkeiten gebe. Der Chino wollte sein Abitur in Informatik machen. Es fehlte nicht mehr viel. Esr sagte zu Raúl, dass er nach seinem Abschluss im November losgehe, dass er schon alles vorbereitet habe.
“Aber…Chino ey, und deine Eltern? Haben sie es dir schon erlaubt?“, fragte ihn Raúl. Er war ein bisschen erschrocken und aufgeregt gleichzeitig, ganz normal für seine dreizehn Jahre.
„Alter, ich bin fast achtzehn!“, antwortete der Chino. „Außerdem, das was meine Mutter will, ist, dass ich arbeite. Und hier, was soll ich hier arbeiten?“
„Ich dachte du würdest zur Uni gehen wollen….“
„Früher schon, aber weißte, meine Mutter meint, ich solle das vergessen, es ist kein Geld da um weiter zu lernen.“ Das war das letzte, was die beiden sagten.
Obwohl es ihm nicht gefiel, dass sie über ihn schimpften, fühlte sich Raúl wohl, als er seine Eltern im Wohnzimmer oder der Küche sah, den Fernseher oder das Radio eingeschaltet, zusammen, manchmal ohne miteinander zu reden, aber immer zusammen. Dann dachte er an den Chino, der niemals seinen Vater kennen gelernt hatte, der alleine aufgewachsen war, in der Straße und immer gemacht hatte, was er wollte. Doña Zoila, seine Mama, arbeitete als Haushälterin in drei oder vier Häusern in der Hauptstadt: sie putzte, kochte, wusch die Wäsche, bügelte, passte auf die Kinder auf, kaufte ein und nähte. Genauso, von Montag bis Sonntag, für viele Jahre, ohne auszuruhen, mit der Sorge um den Chino und seine beiden kleinen Schwestern. Sie war fast nie zu Hause.
Es war schon Mitternacht, doch Raúl konnte nicht schlafen. Er hatte das einzige Lexikon gefunden, das sie besaßen. Er wollte mehr über die USA wissen, über die Städte von denen ihm der Chino erzählt hatte. Er setzte sich auf den Boden in seinem Zimmer und schaute sich Fotos an von Los Angeles, New York, Washington, Miami. Was war das, der amerikanische Traum? Der Chino hatte diesen Begriff oft gesagt. Raul fand ihn aber nicht, das Lexikon sagte nix. Trotzdem las Raúl alles, was er finden konnte, und er las es wieder. Er wollte das gleiche fühlen wie der Chino. Diesen Enthusiasmus. Er stellte sich die Häuser vor, die Restaurants, die Straßen, die Frauen, die Läden, die Autos. Ein neues Leben, organisierter, einfacher und moderner, ohne Gewalt und ohne Armut!
Am nächsten Tag weckte ihn ein Gedanke: der Chino hatte viel Glück gehabt. Er stellte sich vor wie der Chino in Chicago wohnt oder in Texas und Dollars verdient. Er war ein bisschen neidisch. Er fühlte sich wie ein kleines Kind, ohne gehen zu können, ohne irgendetwas alleine machen zu können. In der Schule stellte er sich die ganze Zeit vor, dass er mit dem Chino ginge, und dass er ein paar Jahre später wiederkäme, mit genug Geld um seinen Eltern ein Haus zu bauen, damit sie besser leben könnten und stolz auf ihn wären.
Zwei Monate vergingen. Eines Morgens erwachte Raúl zeitig. Um fünf. Er zog sich an, wusch sich das Gesicht, und ging raus, ganz leise. Er schloss die Tür und begann zu rennen. Fünf Straßen geradeaus, dann zwei nach links. Er kam an, als der Chino gerade sein Haus verließ. Er trug nur einen Rucksack. Er hatte sich die Haare geschnitten und er hatte sich rasiert. Er trug Handschuhe und eine schwarze Mütze.
„ Hey Man, was machst du hier?“
„Ich wollte mich verabschieden, Chino.“
„Ah, danke, man. Wie seh’ ich aus?“ Der Chino stellte sich unter eine Laterne, damit Raúl ihn besser sehen konnte.
„Siehst nicht aus wie du, Chino“
„Ja, um den Feind zu täuschen!“
Sie gaben sich die Hand. Raúl blieb an der Ecke stehen, er verstand nicht, was der Chino meinte, mit „dem Feind“. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Es war dunkel und kalt. Irgendwo bellten Hunde. Er hatte gedacht, dass der Chino im Flugzeug weggehen würde. Aber nein, er würde über das Land gehen, wie ein Illegaler, mit anderen Männern aus der Nachbarschaft. Niemand kam aus Chinos Haus. Raúl kehrte zurück, setzte sich auf die Bank vor der Haustür und wartete, dass die Sonne aufginge. Es war Samstag. Seine Mutter würde um sieben losgehen, und sie würde ihn mitnehmen, damit er ihr auf dem Markt mit den schweren Körben helfe. Und so war es. Auf dem Markt, konnte Raúl nicht aufhören an den Chino zu denken, daran, dass er hoffentlich gut ankommt und alles gut geht. Er wollte, dass die Tage schnell vergingen und er schnell Antwort von ihm erhalte.
Die Wochen vergingen. Und dann die Monate. Langsam erlosch das Bild von Chino in Raúls Gedächtnis und das von den USA, vom amerikanischen Traum. Er lebte sein Leben weiter. Ein Jahr später, zu Weihnachten, erhielt er eine Karte vom Chino. Er erzählte, dass es ihm gut ginge, dass er mit seinem Onkel Paco arbeite, als Maler und Gärtner und Mechaniker, was auch immer. Aber er erzählte auch, wie schwer es gewesen war, die Grenze zu überqueren. Auf dem Weg war er in eine Grube gefallen und hatte sein Bein verletzt. Der Mann, der sie leitete, und denn er bezahlt hatte, ließ ihn liegen, genau wie alle anderen, die ihm nicht halfen. Er musste alleine weiter, nachts, durch die Wüste. Sie haben ihn ausgeraubt und verprügelt. Er schmiss sich auf den Boden und stellte sich tot, dann konnte er fliehen. Als er in Texas ankam, sah er gar keine Polizei. Er versteckte sich hinter einer Tankstelle. Er rief seine Familie an und einer seiner Cousins kam ihn am nächsten Tag suchen. Er hatte Glück.
Als Raúl siebzehn wurde, dachte er nicht mehr an die Uni. In all den Monaten hatte er mit Chino telefoniert. Er wollte auch weg, sein Glück probieren. Der Chino hatte gesagt, er würde ihm helfen, dass es dort genügend Arbeit gebe, dass er sich um alles kümmern würde. Raúls Eltern wollten nicht, dass er geht. Sie stritten sich monatelang. Eines Morgens, ohne etwas zu sagen, machte er genau das, was Chino gemacht hatte. Er hatte drei Jahre gespart. Der Chino hatte ihm Geld geliehen, damit er den Schmuggler bezahlen kann. Er stieg ins Auto, das auf ihn wartete, und auf dem Weg dachte er an seine Eltern, an seinen großen Bruder, an zu Hause. Er spürte heiße Tränen. Die anderen, die auch gingen, lachten. Manche ignorierten ihn.
„Wenn du schon so anfängst, hältst du nicht lange durch“, sagte einer von ihnen.
Fünfzehn Tage später rief der Chino bei ihm zu Hause an und fragte seine Mutter, ob sie etwas von Raúl wisse. Doña Zoila hatte ihr erzählt, dass er weggegangen sei. Seine Eltern waren ganz besorgt und warteten auf Nachricht von ihm.
Laut der Polizei, erreichte Raúl San Marcos und überquerte die Grenze nach Chiapas, reiste dann auf dem Dach eines Zuges nach Chihuahua. Von da an, haben sie seine Spur verloren. Es war als ob dieser dunkelhäutige dünne Junge, begeistert vom Fußball und Geschichtsbüchern, der einmal Lehrer werden wollte, niemals existiert habe.
„Die Geschichte hat kein glückliches Ende, ich glaube sie ist etwas traurig, kann aber auch gut sein um nachzudenken und über das Thema zu reden. Die Immigration aus Guatemala ist ein sehr hart und ein Thema, über das die ganze Welt Bescheid wissen sollte. In den vergangenen Jahren wurden viele illegale Immigranten aus Guatemala und Mittelamerika betrogen oder starben auf dem Weg. Für viele Guatemalteken ist es ein Traum in die USA zu gehen, aber nicht immer können sie ihn erreichen.“
Mehr zu lesen von Rafael Romero für alle die, die dem Spanisch mächtig sind auf http://www.epifaniadomesticadelanostalgiapura.blogspot.com .

