Nach einer ungewollt längeren Pause, endlich wieder eine Notiz aus dem fernen Guatemala. Zuerst: hier im Hause der unglaublich liebenswürdigen Doña Elsa Fuentes habe ich den ersten Tropensturm des Jahres, namens Agatha, gut überstanden. Wenngleich 2,5 Tage Dauerregen und gefühlte 10 Grad unschöne Erinnerungen an die Heimat aufkommen ließen. Andere, und nicht gerade wenige Menschen im Umland hatten weniger Glück. So hat zum Beispiel die Familie eines Betreuers der Los Patojos im Hause meiner Gastmama Unterschlupf suchen müssen, da in das Ihrige Wasser eingedrungen war. Auch gab es nicht unweit Verletzte und Verschüttete/Verschollene zu beklagen, wie mir eine ehemalige Freiwilligendienstleistende berichtete. Dabei überraschte mich jedoch ihre Beobachtung, dass vielmehr die unzähligen Voluntarios vor Ort Hilfe leisteten (Schuttschaufeln, auf Vermisste stoßen, Modergeruch aushalten…), als die vom Hochwasser verschonten Nachbarn.
Ansonsten sind die Schäden in Antigua weniger präsent, ab und zu sieht man in den Geschäften angeheftete Bitten, die zu Kleidungs- und Geldgaben auffordern. Aber dies war nicht der eigentlich Grund dafür, dass meine Nachrichten so lange haben auf sich warten lassen. Es ist nämlich so als Voluntario, der im Hause einer guatemaltekischen Familie wohnt, –ich empfinde das als ungeschriebenes Gesetz und Gebot der Höflichkeit, dass Neuankömmlingen stets ein paar interessante Orte in der Nähe gezeigt bekommen und wichtige Informationen ausgetauscht werden. Dazu gehört wohl auch, dass man des Abends, obwohl man eigentlich etwas mehr Zeit für sich haben möchte, auch um die Eindrücke wirken zu lassen, in geselliger, aber kommunikativ notwendiger Runde verharrt. Derart werden dann auch recht schnell gemeinsame Unternehmungen geplant, so zum Beispiel ein Ausflug zum Sitz des ersten Bischofs von Guatemala namens Francisco Marroquín (1478/99-1563), besser gesagt, zum eher etwas „glatt“ wirkenden Kloster immer noch missionswilliger Nonnen(, bezüglich des einen oder anderen Agnostikers…).
Was war im Projekt Los Patojos in den letzten eineinhalb Wochen geschehen?
Zwei ziemlich perfekt Spanisch sprechende US-Amerikanerinnen leiteten die „Rebeldes“, also die Früh-Adoleszenten, zu verschiedenen Theateraktivitäten an. Darunter das Gehen in einer Körperhaltung, die bestimmte Gefühlslagen zum Ausdruck bringen sollte. Also zum Beispiel, hängende Schultern und schleppender Gang bei Traurigkeit und gerader Rücken und Brust raus bei Stolz. Desweiteren sammelten die Jugendlichen Ideen und erprobten diese, um auf der Straße/auf dem zentralen Platz vor der Kirche eine Art Aktionstheater aufzuführen, was als solches nicht wahrnehmbar sein sollte. So gedachte eine Gruppe einen nonverbalen Konflikt unter Freunden darzustellen, um so die Reaktion, oder besser: Zivilcourage, der Passanten auszutesten. Leider konnte ich aber nicht bei der Ausführung dieser Ideen dabei sein. Bezüglich meines Deutschunterrichts lässt sich aber mit freudiger Sicherheit festhalten, dass diesmal drei „Schülerinnen“ den Weg in das Projekt gefunden haben. Jedoch sind die Niveaus sehr unterschiedlich, was aber keine unüberwindbare Hürde darstellt, da die Praxis des Gelernten, und das bedeutet vor allem die Wiederholung und Festigung der Aussprache, im Vordergrund steht. Tja, auch hierbei verging die Zeit wie im Fluge, sodass kommende Woche schon die letzte Deutschunterweisung mit meiner Wenigkeit ansteht.
Was mich letzte Woche aber am meisten beeindruckte, war wieder einmal der unglaublich geschickte und kreative Profe=Betreuer Selvyn und seine Schüler. Dieser leitete jene dazu an, auf Grundlage der Verwüstungen und Opfer des Tropensturms, wie auch des Vulkanausbruchs, der Antigua und Jocotenango verschonte, einmal das Verhältnis Mensch und Natur zu überdenken und die Elemente der Natur und ihre Kräfte in einer Art Ausdruckstanz zur Darstellung zu bringen. Dabei versuchte sich der Autor selbst und vollführte mit zwei anderen Jugendlichen u.a. die Gewalten Regen, Vulkanausbruch und Hurrikan. Auch wenn es meinerseits eventuell nicht wirklich harmonisch und elegant zu wirken vermochte, so machte mir diese Tätigkeit durchaus Freude.
Aufgrund der zeitintensiven Theateraufführungen verschob sich meine letzte Präsentation über einiges Interessantes und Wissenswertes zu den deutschen Landen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die letzten zwei Tage in dem Projekt liegen nun vor mir und wie stets, ich werde gern berichten!
Ein letzter Gruß aus der Neuen Welt,
Euer Karsten
