2. Erfahrungsbericht von Micha und Tobi.
Sonntag 4.9.11 bis Freitag 9.9.11
Busfahren, “Chichi” und 5 Jahre Los Patojos.
Wie reist man eigentlich in Guatemala? Neben den eher konventionellen Möglichkeiten wie Shuttlebus oder Inlandflug gibt es eine Reisevariante der besonderen Art; in den “Camionetas de Guatemala”. Einsteigen, Ohropax bereithalten und gut festhalten. Die aus den USA stammenden Ex-Schulbusse wurden äußerlich neu aufgefrischt und werden nun von den “Henkern der Straße” Guatemalas gesteuert. Reggaeton knallt aus den Boxen, ein Mitfahrer_innenlimit scheint schlichtweg nicht zu existieren und die gebirgigen Straßenlandschaften, gemixt mit dem rabiaten Fahrstil, lassen schnell den Wunsch aufflammen, sich anschnallen zu wollen. Hier ein paar Tipps für komfortgeprägte Mitteleuropäer_innen: Haben Sie keine Angst vor Berührungen. Tragen sie Knieschützer ab einer Größe von 1,80 m. Bringen Sie eine Portion Humor mit, genau wie die Fähigkeit von ihren guatemaltekischen Mitfahrer_innen zu lernen. Denn während Sie eventuell schweißgebadet im Gang einer Camioneta stehen, werden gefühlte 70 % der einheimischen Fahrgäste in aller Seelenruhe schlafen und vor sich hinträumen, Kinder inbegriffen. Respekt! Eine solche wirklich empfehlenswerte und spaßige Fahrt traten wir auf unseren Ausflug nach “Chichicastenango” an:
Markttreiben. Dazwischen eine Beerdigung. Die Kirche. Einst stand hier ein Mayatempel. Kinderarbeit!
Lecker Mittag gegessen. Weniger Küchenordnungssauberkeitsniveau, aber mehr Menschlichkeit! Der Koch bot uns an, auf das Dach seines Hauses zu gehen. Die Dächer Chichicastenangos. Hinten links der Friedhof mit den farbenfrohen Gräbern. Vorne rechts ein kleiner Garten im Betonggefängis. Man spürt die Enge. Aber keine Befangenheit. Es ist eher Bewunderung, die sich bemerkbar macht. Und dann Regen. Ein reißender Fluss fließt die Gassen entlang. Eine ältere Frau sitzt im Rollstuhl. Hoch genug, um nicht nass zu werden. Der Wolkenbruch endet. Das Markttreiben geht weiter. Und siehe da: Ein deutsches Ehepaar. Normalität. Tourismus.
Rückfahrt nach Jocotenango. Ruhe kehrt ein. Bilder und Eindrücke schweben noch unfassbar in unserenKöpfen umher. Es ist wieder die Lebendigkeit, die uns Guatemala voraus hat. Entspannung und Zufriedenheit in der Ferne. Selbst hier, weit entfernt von Deutschland, kann man Heimat fühlen. Doch was ist Heimat? Wenn Heimat für emotionale und körperliche Geborgenheit steht, dann ist das Heimat! Und jetzt gelangen die Gedanken über das Gebilde Kultur zum vollen Bewusstsein: Wenn der Gedanke angenommen wird, dass kulturelle Unterschiede nur solange herrschen, wie man auf ihren Grenzen beharrt, dann kann man zu folgender Erkenntnis gelangen: Kulturen sind wie Farben auf einem Gemälde. Jeder Farbton ist wichtig für das Gesamtkunstwerk. Die Grenzen zwischen den Farben sind nur insofern wichtig, dass jede Farbe zur Geltung kommen kann. Nicht um eine Farbe als etwas Großartigeres werten zu wollen, sondern, um alle Farben gleichwertig anzuerkennen. Und die Vermischung zuzulassen, damit neue Farbtöne das Gemälde bereichern können.
Doch genug von Metaphern. Es gibt Kaffee und Kuchen, auf denen 5 Candelas tanzen – 5 Jahre Los Patojos! Ein Grund zum Zelebrieren!Geburtstag feiern bedeudet hier, die bereits vorhandene Lebensernergie mal eben zu verdreifachen. Ein Tag voller Musik, Spielen, Wettbewerben, Laolawellen und vor allem eins – Freude, aus dem Nichts, etwas so Wertvolles geschaffen zu haben. Und dieses Wertvolle wird uns an diesem Tag sehr deutlich. Selbst die jüngsten Kinder genieren sich nicht, alleine oder in einer kleinen Gruppe auf einer Bühne zu stehen und vor allen Anderen zu tanzen oder zu singen. Seien es Liebeslieder, sei es Breakdance oder Michael Jackson-Tanzschritte. Die “Patojos” können sich hier frei entfalten, sie können ihrem Geist Ausdruck verleihen und sie haben den Mut dazu, diese Chance zu nutzen. Wertvoll auch deswegen, da selbst an einem solchem Feiertag, die älteren Jugendlichen abends zusammen sitzen, um gemeinsam mit den “Profes” über Themen wie Liebe, Beziehungen, Eltern und Gewalt zu diskutieren. Ein ausgewogener Tag also, zwischen Spaß, Party und Ernsthaftigkeit. “Salud” auf Los Patojos und auf die nächsten Jahre! Lasst uns weiterhin gemeinsam träumen und Ideen in Aktionen umwandeln.





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